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untertag blues vienna/ heller canoe/ vienna/ peymann

Alles Fiktion - Handke und sein Serbenstueck

Autor: HANNES STEIN

Vor ein paar Jahren wurde behauptet, Peter Handke habe das serbische Volk in den Phrasenhimmel gehoben, weil es noch so laendlich und unverdorben sei. Ferner hiess es, der Dichter halte die Berichte ueber Massenmorde in Bosnien fuer frei erfunden; er habe die Vermutung geaeussert, es gebe da eine Verschwoerung amerikanischer Fernsehsender gegen die heldenhaften serbischen Freiheitskaempfer. Mittlerweile ist Bosnien passe; die Serben sind laengst damit beschaeftigt, die Albaner im Kosovo zu massakrieren; und von Handke soll es angeblich ein neues Theaterstueck geben.
Entre nous: Diese Nachricht erscheint wenig glaubhaft. Sollte es uns nicht sehr nachdenklich stimmen, dass von besagtem Dichter nur drei, hoechstens vier Fotos kursieren? Verdaechtig auch, dass er auf diesen Bildern merkwuerdig alterslos aussieht. Immer dasselbe schulterlange Haar! Und immer derselbe schuettere Schnurrbart! Etwas kann hier nicht stimmen. Der journalistische Scharfsinn, der eben noch traege in die Sonne blinzelte, wacht mit einem Ruck auf und macht sich an die Analyse von Handkes Stil. Dabei stellt man verbluefft fest: Der Mann schreibt seit einem Dutzend Jahren beharrlich dasselbe. Welch spinnwebumflortes Geheimnis mag sich hinter dieser Tatsache verbergen?



Suhrkamps Computer


Die Sensation sei schon an dieser Stelle ausgeplaudert: Peter Handke ist eine Fiktion - er existiert gar nicht. Statt dessen existiert ein Computer, naemlich der Autorencomputer des Suhrkamp-Verlages. Unsere Recherchen haben ergeben, dass er sich in einem abgelegenen Keller des Verlagshauses befindet, zu dem nur Herr Unseld den Schluessel hat, dass auf ihm rote und gruene Lichter blinken und dass er gelegentlich dezente Rauchwoelkchen ausstoesst. Eines der Programme, die in der Denkmaschine laufen, ist das Peter-Handke-Programm. Dieses Programm hat jetzt einen neuen Text abgesondert: Die Fahrt im Einbaum oder Das Stueck zum Film vom Krieg.
Ein amerikanischer und ein spanischer Regisseur reden da ueber ein Lichtspiel, das sie zusammen fabrizieren wollen - Thema: die Gemetzel im ehemaligen Jugoslawien. Die beiden treffen sich in einem zerbombten Hotel vor einer Plastikplane, die irgendwelche internationalen Organisationen gespendet haben. Beim Drehen ihres Films sollen sie von einem Weltkomitee fuer Ethik und einem Internationalen AEsthetik-Institut zensiert werden. Am Ende beschliessen die Regisseure, von ihrem Filmprojekt lieber die Finger zu lassen, weil es noch zu frueh dafuer sei. Zwischendurch latschen ein paar zweibeinige Klischees ueber die Buehne und geben Sprechblasen von sich. Unter ihnen ist ein serbischer Tschetnik, der haemisch darauf stolz ist, dass er als der dritte Boese in der zweiten Reihe von links auf einem Pressefoto erscheint. Spaeter wurde er verurteilt von einem deutschlaendischen Richter, wegen Hilfe beim Volksmord.



Eine politische These


Es ist alles - ungelogen! - genauso langweilig, wie es sich hier anhoert. Das ganze Theater dient nur dazu, eine politische These zu beweisen, die da lautet: Amerika und Deutschland greifen mittels der modernen Massenmedien nach der Weltherrschaft. Opfer dieser Strategie sind die wehrlosen Serben, die ein Martyrium ohne Ausweg erleiden. Irgendwann tritt ein Historiker auf, um dem tragischen Heldenvolk zu erklaeren: Kein Gott sieht auf dich herab, sondern der interkontinentale Satellit...Ihr seid besiegt, weil die anderen auf OEffentlichkeitsarbeit gesetzt haben statt auf Privatmythelei; weil sie sich in einer weltweit anerkannten Sprachstruktur ausgedrueckt haben statt in nationalen Legenden. Arme Serben! Ein altehrwuerdiges Kulturvolk kaempft gegen CNN, und alle Welt laesst es im Stich.
Die Schuld, dass es so ist, tragen natuerlich die Journalisten. Es gibt eine beruehmte Szene in Chaplins Film vom grossen Diktator Hynkel, wo seine Exzellenz sich mit schaeumendem Mund zur Judenfrage aeussert: Daeaeae Dschudddn!!! So etwa muessten wir uns vorstellen, wie Peter Handke (wenn es ihn wirklich gaebe) ueber die Journalisten reden wuerde: Daeaeae Tschreiperlinge!!! In seinem Theaterstueck geben sie Agenten einer finsteren, verheerenden Macht. Sie erscheinen als die heimlichen Bodentruppen der Nato.



Misslungene Hilfe


Fuer ein Computerprogramm ist Peter Handke erstaunlich temperamentvoll. Handelte es sich um einen lebendigen Menschen, muesste man von einem Neurotiker sprechen, der sich haeuslich in seinem hermetischen Wahnsystem eingerichtet hat und auf jede Stoerung von aussen mit kreischender, hysterischer Wut reagiert. Diese Wut hat er gerecht auf alle Pappkameraden verteilt, die sein Stueck bevoelkern.
Schwerer als die Aggressivitaet des virtuellen Peter Handke ist indes seine Sentimentalitaet zu ertragen. Ich wurde Massenmoerder, weil mir das Helfen misslang, laesst er einen Tschetnik sagen. Meinem ersten Opfer wollte ich zunaechst nur helfen. Aber meine ausgestreckte Hand kam nicht an ihn heran. Ich konnte und konnte ihm nicht helfen. Und darueber verzweifelte ich. Und in meiner Verzweiflung schlug ich dann auf ihn ein.
Kaum zu glauben, aber so steht es woertlich da. Hier scheint im Peter-Handke-Programm ein gravierender Systemfehler zu stecken. Dem Suhrkamp-Verlag sei geraten, seinen Autorencomputer von einer Fachkraft reparieren zu lassen. Aber presto! Sonst koennte es passieren, dass gelegentlich die Nato ihren Monteur vorbeischickt.

Ausgabe: 20/99


Copyright 1998 ntg2000 & Rheinischer Merkur


Feuilleton
Partitur fuer Passanten
Buehne / Gestenwerkstatt Freiburg spielt Peter Handke.
ddf.  Die Stunde da wir nichts voneinander wussten dieser Handke ist eigentlich kein Stueck, sondern eine einzige Regieanweisung. Da werden minutioes einzig und allein die Gesten und die Bewegungen von zweihundert Figuren auf einem oeffentlichen Platz beschrieben, eine Partitur fuer Passanten, eine Strassensymphonie.
Klar, dass da der sprachliche Ausdruck zurzeit im Hintergrund steht wie die Freiburger Theatergruppe Gestenwerkstatt zu ihrer Arbeit erklaert. Hervorgegangen aus der Staldentruppe und der Compagnie Halle 2c, versteht sie sich als Arbeitsort zur Entwicklung von Projekten…; die Ausdrucksmittel des Theaters will sie ueberpruefen.
Flughostessen, Strassenwischer, Hochschwangere, Ganoven, eine Frau in einem Container voll Wasser, Touristen, Showbiz-Leute, Betagte, Protectas-Waechter, Rollerblader, Inspektor Columbo, Versicherungsvertreter und all die anderen: In anderthalb Stunden und dreihundert Sequenzen ziehen sie ihre Kreise auf dem Platz, tanzen und tollen, humpeln und hetzen. Und sprechen dabei kein einziges Wort. Handkes Stueck benuetzt sie nicht dazu, eine Geschichte darzustellen. Das ist Zuschauers Sache: In seinem Kopf sollen sich Geschichten entwickeln. Sind es Worte des Abschieds auf der Karte, welche die hochschwangere Frau zur Post bringt? Ist der Mann mit dem entwurzelten Baum auf dem Ruecken einem Maerchen entsprungen? Solche Assoziationen bleiben allerdings ganz und gar unverbindlich. Der Abend, inszeniert von Klaus Hersche, funktioniert sehr gut auch als interessantes Panoptikum menschlicher Miniaturen, als Figurenzoo, freigegeben zur unbeschraenkten, gelassenen Beobachtung.
Was das Stueck aber an Erzaehlung verweigert, das scheint es an Moral zu kompensieren: Alle verschieden, alle gleichwertig - das ist die Botschaft, die sich mitunter aufdringlich meldet. Eine Botschaft, vermittelt ohne Worte? Alles an dieser Inszenierung scheint sie auszusprechen. Da gibt es die Erinnerungen an die Figuren bei Jacques Tati: der Brieftraeger auf dem Rad - ein Bild liebenswuerdig-schraeger Individualitaet. Da sind auch die unsympathischeren Figuren mit Milde dargestellt. Da sitzt der Zuschauer auf einer Galerie zu allen vier Seiten und hat eine im woertlichen Sinn beschauliche Sicht von oben. Da hat der Platz, wie er in der alten Fabrik als Buehne eingerichtet ist, selber ein behagliches Antlitz: mit der Bahnhofsuhr und den Laternen an den Saeulen.
Der Platz verkoerpert die Idee des Marktplatzes, des Forums, wo sich fern aller Zwaenge Individuen in Gleichberechtigung und Friedfertigkeit treffen, um sich auszutauschen. Doch das Ideal hat blinde Flecken. Dass unter Individuen Macht immer eine Rolle spielt, soziale Unterschiede, Konflikte und Aggressionen - davon ist nichts zu sehen auf diesem Platz des milden Friedens. Was die Sache etwas duerftig macht.
Weitere Auffuehrungen: bis 31. Mai; Donnerstag bis Samstag um 20.30 Uhr, Sonntag um 18 Uhr in der Gestenwerkstatt, Giessereistrasse 8c, Freiburg, Tel. (026) 424 12 77. 2001 / Der Bund Verlag AG, Bern und Autoren / www.eBund.ch.:

feuilleton
Ein Abend mit zu vielen Profilen
Theater / Das Stueck ohne Worte Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten von Peter Handke wird am Theater Luzern in der Regie von Peter Siefert zum ersten Mal in der Schweiz gezeigt.
Tobias Hoffmann
Das ganz Besondere dieser Inszenierung kuendigt sich schon im Foyer an: an den Waenden zahlreiche Gestelle, vollgehaengt mit Kleidern, oben Tablare mit Kopfbedeckungen, unten Kisten voller Requisiten. Es sind die Zuruestungen fuer die vermutlich groesste Kostuem- und Requisitenschlacht des deutschen Theaters.
In der Partitur Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten laesst Peter Handke Hunderte von Gestalten aufmarschieren und ueber die Buehne gehen, rennen, rollen, kriechen, vom Feuerwehrmann bis zur Sportlerin, aber auch ganze Gruppen wie eine vollstaendige Flugzeugbesatzung oder das Fragment einer Zirkusgruppe . . . Manche eilen nur ueber den Platz, manche verweilen und treiben merkwuerdige Spielchen oder fuehren Alltagsverrichtungen vor. Ist das mehr als ein ueberdimensionaler Spuk, von dem einem nichts bleibt als ein Gefuehl der Benommenheit und der uns bestaetigt, dass das Leben ein Gewimmel ist, dem wir keine Ordnung abgewinnen koennen?
Ein abstraktes Tummelfeld
Handke hat sicher nicht einen bestimmten Platz im Kopf gehabt, sondern den Platz schlechthin, die Synthese aller Plaetze. Im Luzerner Buehnenbild Hans Georg Schaefers ist es jedoch gar keiner, sondern abstraktes Tummelfeld fuer die sehr oft wie auf Schienen erfolgenden Auf- und Abtritte aus den Gassen links und rechts. Die fehlende Tiefe laesst vieles wie ein Schattenspiel erscheinen, der Mensch wird aufs Profil reduziert und bleibt Silhouette. Das ergibt allerdings auch eindrueckliche Sequenzen wie den endlosen Aufzug alter Maenner mit Maskenprofilen wie von Daumier.
Beim Ausstattungsprunk haelt die Auffuehrung in allen Bereichen mit - erstaunlich, was da manchmal nur fuer ein paar Sekunden alles aufgefahren und vorgezeigt wird. Dieser immense Aufwand konnte personell vom Luzerner Theater nicht im Alleingang geleistet werden: Den Studierenden der Pantomimenklasse der Folkwang-Hochschule in Essen wurde anlaesslich eines Praktikums die Moeglichkeit geboten, zusammen mit Luzerner Ensemble-Mitgliedern und unter der Regie ihres Lehrers Peter Siefert ihre Ausdrucksfaehigkeit und Beweglichkeit unter Beweis zu stellen. Die Konkurrenz der vertrauten eigenen Schauspieler mit den jungen, ganz anders ausgebildeten Gaesten war denn auch fuer das Luzerner Publikum nicht das mindeste Vergnuegen.
Liebe auf Distanz
In den eindreiviertel Stunden der fast pausenlosen Schau braucht man keiner Sinnspur nachzugehen - auch wenn man auf Splitter von Mythen und auf wiederkehrende Motive stoesst. Handke duerfte mit diesem Stueck im Sinn gehabt haben, den Menschen aus der Ideologiefalle des Wortes herauszuholen - um einer distanzierten Liebe willen. Wie siehst du die Menschen, wenn du nicht ungerecht bist, wenn du ohne Meinung bist, wenn du die Menschen gern hast so deutete er Gruende fuer die Wortlosigkeit an. Jeder Zuschauer wird bei dem ueberreichen Angebot seinen ganz persoenlichen Filter einsetzen. Der Abend wirkt aber mehr als Ganzes, weniger durch einzelne Kabinettstueckchen - die es durchaus gibt.
Einhelliges Gelaechter gab es nur bei der Parade einer Flugzeugcrew mit nicht sehr vertrauenerweckendem Posterlaecheln. Gegen Schluss verdichtet sich das Kommen und Gehen zu einem biblischen Krippen-Arrangement ohne Tiere. Eine Offenbarungsszene folgt, die Anbetung eines Wickelkindes, dann Zerfall, Hohn und wieder Vereinzelung, der in die fast nur noch zitierten Auftritte schon gezeigter Figuren uebergeht. Dem Luzerner Publikum erschien dieses Schau-Spiel doch eher als Spuk; der Applaus war  nur freundlich. Es reichte nicht zu einer Feierstunde des Theaters.
Weitere Vorstellungen
Das Stueck wird im Theater Luzern noch am 11., 13., 20. und 26. Maerz jeweils um 20 Uhr gespielt.
 2001 / Der Bund Verlag AG, Bern und Autoren / www.eBund.ch

  Bund; 1998-05-18; Seite 4; Num


 Bund; 1997-03-22; Seite Z4; Nummer 68
literatur
Kunstgewerbliche Selbstinszenierung
Peter Handkes neues Koenigsdrama
Th. T. Sein neues Stueck Zuruestungen fuer die Unsterblichkeit das er als ein Koenigsdramabezeichnet, hat Peter Handke fuer das Wiener Burgtheater geschrieben, wo es am 8. Februar von Claus Peymann uraufgefuehrt wurde. Langer Beifall der eingeschwore- nen Handke-Gemeinde, zwiespaeltige
Peter Handke
ZURUESTUNGEN FUER DIE
UNSTERBLICHKEIT
Ein Koenigsdrama. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M. 134 Seiten. Fr. 32.-.
Reaktion der Kritik, die mehrheitlich die szenische Interpretation dem Stueck selber vorzog. Der in Buchform erschienene Text erlaubt eine UEberpruefung seiner Qualitaeten beziehungsweise Maengel.
Handkes …Koenigsdrama bildet den Abschluss einer Trilogie, in welcher Das Spiel vom Fragen und Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten vorangingen. Begonnen hat Handke dieses szenische Genre mit der Mischung von Gleichnis, Maerchenspiel, Welttheater und Moralitaet bereits mit dem dramatischen Gedicht UEber die Doerfer (1980), ohne dass er als Dramatiker mit dieser Form zu ueberzeugen vermochte. Dem forcierten Symbolismus haftete unuebersehbar eine uebersteigerte kunstgewerbliche Kuenstlichkeit an, die fuer sich den Zauber der Poesie in Anspruch nahm, in Wirklichkeit aber nie um eine sperrig-gestelzte Sproedheit herumkam.
So auch in dem neuen Werk, das in einer vom Kriege versehrten Enklave spielt, die um eine eigene Position in der neuen Weltordnung ringt. Im Mittelpunkt stehen zwei junge Maenner, die ausersehen sind, ihrem Volk den Weg zu weisen: der koenigliche Pablo und der verkrueppelte Felipe, durch welche der Traum einer Welterneuerung eingeleitet werden soll, der nach des Dichters Willen (und als seine Ausflucht) durch die fremde Erzaehlerin nur im Element der Erzaehlung realisiert wird. Das in seinen Intentionen und Anspruechen hochgestochene Monsterstueck erweist sich als eine Mischung von Heilspredigt, Selbstinszenierung, Kitsch und schwer ertraeglicher Verschmocktheit.
Welterneuerung durch Literatur? Peter Handke.
Isolde Ohlbaum
2001 / Der Bund Verlag AG, Bern und Autoren / www.eBund.ch

 Bund; 1998-03-07; Seite 6; Nummer 55
mer 114



Zehn Jahre nach dem Buergerkrieg Das juengste Handke-Stueck, die letzte Wiener Peymann-Regie im Burgtheater ermuedete: Die Fahrt im Einbaum oder Das Stueck zum Film vom Krieg. VON HANS HAIDER Buergerkrieg in Jugoslawien und dessen Bewaeltigung. Wie wird wieder Frieden einkehren nach der Jagd, die Serben und Kroaten 1991 bis 1995 aufeinander gemacht haben? Den juengsten Drei-Monats-Krieg stellte Peter HANDKE im Stueck Die Fahrt im Einbaum oder Das Stueck zum Film vom Krieg nicht zu Debatte. Als er mit Verspaetung sein fuer die Wiener Festwochen 1998 geplantes Buehnenstueck endlich fertig schrieb, blendete ihn noch die Utopie vom Frieden. Mit kindlicher Zuversicht laesst er seine Balkangesellschaft sich retten auf einem Schiff, das unter den Segeln der Poesie (zwei Federn) davonfaehrt. Also ein Stueck zum Film vom Buergerkrieg. HANDKE zitiert 2005, also zehn Jahre nach Dayton, Taeter und Opfer, allesamt Beschaedigte, auf seine Buehne im Speisesaal eines Provinzhotels irgendwo im tiefsten oder innersten Balkan. In der Burg ragt die Szene weit in den Zuschauerraum. Karl-Ernst Herrmann hat wirklich den welken Glanz eines Vorzeige-Interieurs getroffen: So baute man 1960 in Rosenheim! Menschen aus allen Schichten stehen als Zeugen ihrer selbst vor einem Tribunal. Als Richtern amtieren zwei Filmregisseure (ein Amerikaner und ein Spanier). Sie pruefen die vorgefuehrten Figuren auf ihre Brauchbarkeit fuer einen semidokumentarischen Spielfilm. Ein Casting also, drei Stunden lang, organisiert von einem lokalen Vertrauensmann (Ernst Stoetzner), der weiss, wonach die Medien mit der Verlaesslichkeit eines Pawlowschen Hundes schnappen (nach verletzten Kindern und Tieren und reuigen Kriegsverbrechern). Doch diesmal sind redliche Kuenstler am Werk. Sie kapieren ihre Maengel. Sie verstehen den Balkan letztlich nicht mehr. Sie werden den Film nicht drehen. Schaut man Martin Schwab und Robert Hunger-Buehler zu, glaubt man nicht, dass hier Grossmeister wie John Ford und BuNuel scheitern, sondern ein Lehrer und ein Pfarrer. In dieser Doppelrolle waere auch der Dichter selber zu identifizieren, und so gesehen waere Die Fahrt im Einbaum zu wuerdigen als Bericht eines Balkanfahrers, der immer mehr Details aufsammelt, sich immer tiefer einlaesst in sein Thema, doch zuletzt davor kapituliert. In Ehren, denn die Sieger sehen schrecklich aus. Zum Beispiel wie Mountainbiker. Grieche, Waldlaeufer, Irrer In solchen Monturen quasseln drei Kriegsreporter (Peter Fitz, Therese Affolter, Urs Hefti als Internationale). Ein vierter Schreiber ist anders: ein Grieche (der zu Recht bejubelte Johann Adam Oest), der aus der Mediensprache ausgebrochen ist in die Literatur und Philosophie - auch er wieder eine Figur mit Zuegen des Dichters. Wie auch der Wald- oder Irrlaeufer (Roman Kaminski, der zweite Stern des langen Abends), der als Kriegsverbrecher von einem deutschen Richter verurteilt wurde - nicht weil er an einem Massaker beteiligt war, sondern unbeteiligt (ohne sich einzumischen) zugeschaut hat. Ein Kauz, ein aggressiver Anarcho - und doch erbarmenswert in seiner Trauer ueber die Zeit. Typen aus dem Buergerkrieg, realistisch maskiert und superrealistisch gespielt, kommen sich vorstellen: der Historiker, der Fremdenfuehrer und der ganz gewoehnliche Nachbar, der die wollene Gesichtsmaske aufsetzte, wenn er morden ging. Ein Irrer (Steffen Schroeder) richtet sich selber - und scheint als Moerder unschuldiger zu sein als viele, die aus dem historischen Schlamassel mit weisser Weste hervorgehen. Eine leuchtende Rettungsfigur wird zuletzt alle Mitspieler um sich sammeln: die Fellfrau mit ihrem Einbaum, aufgetakelt wie eine Schoenheitskoenigin, aber Vertreterin einer alten Idee, Ordnung, Kultur. Ihr Einbaum, Symbol der Rettung, entstammt einem Mythos: im Laibacher Moos hat dieses alle Voelkerschaften des Balkan vereinende Heiligtum geschlummert seit vorroemischen Zeiten. Die Fellfrau will das Land neu begruenden mit der Fahrt im Einbaum. Ein tragfaehiges Boot, das die ganze Gesellschaft aufnimmt, ist dieser hohle, unbehauene Baumstamm nicht. Darum der Stapellauf des Flosses. Poesie ahoi. Nach der ermuedenden Dramaturgie eines Gerichtsspiels sind die vielen Casting-Auftritte hintereinander aufgefaedelt. Mehr ein geschwaetziges Lehrgedicht als Theater. Zarteste Naturbilder werden von brutalen Faekalworten angerempelt. Die Journalisten- und Bikerklamotte uebertoent das unsichere franzoesische Deutsch der Fellfrau (Sophie Semin, im Zivilleben Mme. HANDKE). Claus Peymann hat sich viel zu genau an das Libretto gehalten und seinem Publikum viel Geduld zugemutet an seinem Wiener Abschiedsabend als Regisseur. Viele Buh-Rufe veraergerten ihn sichtlich, der Dichter HANDKE erschien nicht zum Verbeugen vor dem Vorhang. So endete denn die 13 Jahre waehrende AEra Peymann trotz des ueblichen Vorausgelaermes ganz unauffaell

. Das Presse-Online Archiv Erscheinungsdatum: 12.06.1999 Ressort: Kultur/Medien Peter Handke spricht mit Amina HandkeDer private Wiener TV-Kanal TIV sendet am Sonntag, 13. Juni (20.15 Uhr) ein Interview, das die - am Sender mitbeteiligte - Tochter von Peter HANDKE und Libgart Schwarz, Amina HANDKE, mit ihrem Vater ueber das am Mittwoch uraufgefuehrte Stueck Die Fahrt im Einbaum gefuehrt hat. Der Dichter erlaeuterte Unterschiede von Sehweisen der Literatur und des Journalismus: Von meinen Artikeln und von meinen Interviews kann man sich angegriffen fuehlen, soll man sich auch, aber nicht von diesem Stueck. Bei meinem Stueck kann jeder nur mittraeumen, und jeder geht zu einer Tuer, die er oeffnen kann . . . Die Literatur versucht auszubrechen aus Schuld und Suehne. Aus einer von der Austria-Presseagentur zusammengestellten Sammlung von Kritiker-Stimmen geht indessen hervor, dass Peymanns Einbaum-Regie deutlich negativer bewertet wurde als HANDKEs Text.





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